Vom Vermitteln zum Weiterdenken
Die nachhaltige Wende schaffen und dabei noch Geld sparen? Mit diesen Tipps für den Praxisalltag gelingt der Einstieg in die krisensichere Zukunft.
Energie kostet immer mehr: Gemäss dem «Energiedashboard Schweiz» des Bundesamts für Energie (BFE) sind die Endverbrauchspreise für Strom seit Januar 2022 um 27 Prozent und für Gas um bis zu 85 Prozent gestiegen. Die Erhöhung der Einnahmen zur Deckung der steigenden Fixkosten ist für eine Physiotherapiepraxis kaum möglich. Die Preise pro Behandlung sind schliesslich durch die Taxpunkte in der Tarifstruktur sowie die kantonalen Taxpunktwerte vorgegeben.
Mehr Nachhaltigkeit ist auch wegen der kürzlich stattgefundenen Abstimmung zum «Klima-Gesetz» wieder in den Fokus der Schweizer Öffentlichkeit gelangt. Nachhaltigkeit im Umweltkontext verbindet fachliches Wissen (z.B. Auswirkungen von Hitze auf den menschlichen Körper) und die Dimension der Unternehmensführung (z.B. mehr Energieeffizienz in der Praxis) und ergänzt beide um eine globale Perspektive. Als Teil des globalen Gesundheitssektors spielt die Physiotherapie eine nicht zu unterschätzende Rolle in der Beeinflussung der planetaren Gesundheit («Planetary Health»). Wenn sich alle Berufsangehörigen gemeinsam dieser Herausforderung stellen, kann bereits mit einem kleinen Einsatz viel zur positiven, globalen Klimabilanz beigetragen werden. Zudem ergibt sich so die Möglichkeit, die Fixkosten der eigenen Praxis zu reduzieren.
Wie bei neuen Patient:innen steht auch am Beginn des Wegs zur nachhaltigen, klimaneutraleren Praxis der Befund beziehungsweise der IST-Zustand, also hier die Analyse des ökologischen Fussabdrucks des Unternehmens. Ausgehend von diesem Befund lassen sich Einsparpotenziale identifizieren. Der CO2-Äquivalent-Fussabdruck ist ein Mass für die Emissionen durch ein Produkt, einen Menschen oder ein gesamtes Unternehmen, bei dem die verschiedenen klimaschädlichen Substanzen (z.B. Methan) ins Schädigungspotenzial von CO2 umgerechnet werden. Wie bei der Therapieplanung lassen sich durch die IST-Analyse des Unternehmens Massnahmen (z.B. Wechsel der Heizanlage) zielgerichtet und effizient planen. Ganz ohne Emissionen geht es jedoch leider nicht. Wer möchte, kann die verbleibenden Emissionen mit entsprechenden Massnahmen wie Baumpflanzungen oder über den Emissionshandel (www.compensators.org) kompensieren.
Massnahmen um Energie (und damit Geld) zu sparen, sind von kleinen Veränderungen (auf Verhaltensebene), bis hin zu grösseren Veränderungen – wie etwa der Austausch eines bestehenden durch ein nachhaltigeres System – möglich. Es können aber auch Optimierungsmassnahmen an bestehenden Anlagen angewendet werden. Auch kleine Veränderungen bewirken schon Einsparungspotenziale:
Auf der Website von EnergieSchweiz (www.energieschweiz.ch) findet sich eine Broschüre zum kostenlosen Downloaden mit Massnahmen für Unternehmen.
Zusammen mit der Arbeitsgruppe ErgoLogoPhysio von Health For Future Deutschland hat die Environmental Physiotherapie Association (EPA) Poster speziell für Physiotherapiepraxen erstellt. Ein Plakat richtet sich an Patient:innen und kann beispielsweise im Wartebereich platziert werden. Dieses macht auf die Verbindung von Therapie und Umwelt aufmerksam. Ein weiteres Poster ist für Gesundheitsdienstleister gestaltet und stellt dar, wie sich die eigene Einrichtung nachhaltiger gestalten lässt. Letzteres diente als Grundlage für den vorliegenden Artikel.
Beide Poster sind mittlerweile in verschiedene Sprachen übersetzt worden und enthalten einen QR-Code, der auf weitere Hintergrundinformationen verweist und entsprechende Quellen bereithält.
Hier geht’s zu allen Postern und Zusatzmaterial.
Poster: EPA

Zunächst müssen der IST-Zustand sowie die möglichen Optimierungsmöglichkeiten ermittelt werden. Was wird beispielsweise im Alltag oft gebraucht und wo lassen sich durch Upcycling oder Second Hand neuer Abfall oder Neukäufe verhindern? Wenn es dann doch zur Abfallproduktion kommt, sollten Physiotherapeut:innen auf eine saubere Trennung und korrekte Entsorgung von Sondermüll achten (separat beschriftete Eimer bereitstellen). Hierzu einige weitere Tipps:
Die Mobilität der Menschen in den westlichen Ländern findet immer noch weitestgehend mit dem eigenen Auto statt. Der Individualverkehr trägt mit über 60 Prozent zu den CO2-Emissionen bei. Ausserdem verursacht er Lärm- und Luftverschmutzung, was die Lebensqualität und auch die Lebenszeit deutlich reduziert (Gonzalez Holguera & Senn, 2021; Sustainable Mobility for All, 2022). Die Physiotherapie ist ein optimaler Treiber, um die Mobilität dauerhaft zu verändern. Mit der Wiederherstellung der Mobilitätsfähigkeit können Physiotherapeut:innen Menschen helfen, sich (wieder) vom Auto unabhängiger zu machen.
Ökologisch nachhaltiges Denken kann in allen Lebensbereichen Einzug halten. Ob im privaten Haushalt, der politischen Diskussion oder eben im eigenen beruflichen Kontext. Das Potenzial der Physiotherapie, einen positiven Beitrag zu einer lebenswerten Zukunft auf der Erde zu leisten, ist gross.

Physiotherapeut, Fitnessökonom BA, savo.ch, Bern Wankdorf, engagiert in der EPA und bei Health For Future Schweiz und in Deutschland
Foto: zVg
Gonzalez Holguera, J. & Senn, N. (2021). Das Konzept der «Co-benefits» von Gesundheit und Umwelt. SCHWEIZERISCHE ÄRZTEZEITUNG, 102(24), 807–809. https://doi.org/10.4414/saez.2021.19714
Sustainable Mobility for All. (2022). Global Mobility Report 2022: Tracking Sector Performance. https://www.sum4all.org/data/files/global_mobility_report_2022_04052023_final.pdf