Direkt in die Physiotherapie: Einsparpotenzial von Millionen
Der Direktzugang zur Physiotherapie – also ohne ärztliche Verordnung – könnte die Gesundheitskosten deutlich senken. Eine Modellrechnung der Universität Luzern überträgt internationale Forschungsergebnisse auf die Schweiz. Bei Rückenbeschwerden zeigt sich ein Einsparpotenzial von rund 150 Millionen Franken pro Jahr, auch bei Kniebeschwerden sind Einsparungen möglich. Ein Pilotprojekt von Physioswiss soll nun zeigen, wie sich der Direktzugang in der Schweiz bewähren kann.
Beschwerden am Bewegungsapparat – vor allem an Rücken und Knie – gehören zu den häufigsten und teuersten Leiden in der Schweiz. Heute braucht es für eine vergütete Physiotherapie eine ärztliche Verordnung. Beim Direktzugang könnten sich Patientinnen und Patienten mit klar definierten Beschwerden direkt an Physiotherapeut:innen wenden. Diese entscheiden nach festgelegten Kriterien, ob sie die Behandlung beginnen oder eine ärztliche Abklärung nötig ist – die Patientensicherheit bleibt gewährleistet.
Modellrechnung zeigt Einsparpotential
Eine aktuelle Modellrechnung der Universität Luzern im Auftrag von Physioswiss wertete internationale Forschungsergebnisse zum Thema Direktzugang zur Physiotherapie aus Frankreich, Grossbritannien, Schweden, den USA und Kanada aus und übertrug die gefundenen Effekte in ein Kostenmodell für den Schweizer Kontext. Das Ergebnis: Der Direktzugang zur Physiotherapie bei Rücken- und Kniebeschwerden dürfte gemäss Modellrechnung zu deutlich tieferen Gesamtkosten entlang des Behandlungspfades führen als das ärztlich geleitete Modell. Die Behandlung beginnt früher, und es braucht weniger Arztbesuche.
Zentrale Ergebnisse der Studie
Rückenschmerzen: Würde jede vierte betroffene Person in der Schweiz direkt zur Physiotherapie gehen, könnten jährlich 144-156 Mio. Franken an direkten Gesundheitskosten eingespart werden. Zusätzlich könnten bei Rückenschmerzen bis zu 1 Milliarde Franken an indirekten Kosten (z.B. Arbeitsausfälle) eingespart werden.
Kniebeschwerden: Hier könnten weitere 18-19,5 Mio. Franken an direkten Gesundheitskosten pro Jahr eingespart werden.
Warum die Kosten sinken
Beim Direktzugang beginnt die Behandlung früher und gezielter, statt dass Betroffene eine Abklärungs- und Wartephase durchlaufen. Laut internationalen Studien braucht es dadurch weniger Konsultationen, weniger Bildgebung und weniger Eingriffe im ambulanten und stationären Bereich. Die Einsparungen entstehen gemäss Modellrechnung also nicht in der Physiotherapie selbst, sondern entlang des übrigen Behandlungspfades.
Pilotprojekt soll Schweizer Daten liefern
Noch fehlen belastbare Schweizer Daten. Deshalb plant Physioswiss ein Pilotprojekt für klar definierte Indikationen wie Rücken- und Kniebeschwerden. Untersucht werden unter anderem Schmerzen und Funktionsfähigkeit, Wartezeiten, Patientenzufriedenheit, Kosten und Mengenentwicklung. Qualifikation der Physiotherapeut:innen und Abläufe sollen verbindlich geregelt und überprüft werden. Auch politisch ist das Thema lanciert: Ein Postulat vom März 2026 verlangt vom Bundesrat, den Direktzugang bei ausgewählten Indikationen zu prüfen. Das Pilotprojekt kann dafür die nötigen Schweizer Daten liefern. Das konkrete Projektdesign, die Projektdauer und die beteiligten Partner werden derzeit definiert. Physioswiss wird zu gegebener Zeit über das Pilotprojekt informieren.
Grundversorgung vor neuen Herausforderungen
Hausärztemangel und steigender Behandlungsbedarf fordern die Grundversorgung. Gleichzeitig verfügen Gesundheitsfachpersonen über vertiefte Kompetenzen. Im Rahmen der Agenda Grundversorgung prüft das Bundesamt für Gesundheit BAG, wie diese besser genutzt werden können, Physioswiss arbeitet dabei mit. Beim Direktzugang zur Physiotherapie war der Bundesrat bislang zurückhaltend: Erfahrungen aus dem Ausland seien nicht direkt übertragbar, Schweizer Daten fehlten. Genau diese Lücke will Physioswiss schliessen. Die Modellrechnung überträgt internationale Befunde auf die Schweiz, das Pilotprojekt soll die fehlenden Daten liefern.
Fazit
Der Direktzugang hat das Potenzial, Kosten zu senken und die Hausärzt:innen zu entlasten, sowie die Versorgung zu verbessern. Ein Pilotprojekt mit breiter Datenerhebung ist ein nächster Schritt, um Nutzen, Sicherheit und Kosten für die Schweiz verlässlich zu belegen und damit eine fundierte politische Entscheidung zu ermöglichen. «Die Ergebnisse der Modellrechnung zeigen ein erhebliches Potenzial – zum Wohle sowohl der Patient:innen als auch des Gesundheitssystems», sagt Mirjam Stauffer, Präsidentin von Physioswiss.
«Jetzt wird Physioswiss ein Pilotprojekt als Praxistest lancieren, um die Idee unter den Bedingungen des Schweizer Gesundheitssystems zu prüfen», ergänzt Osman Bešić, Geschäftsführer von Physioswiss. Als Berufsverband setzt sich Physioswiss für die Erprobung und Einführung eines geregelten Direktzugangs zur Physiotherapie ein.