Bewegung ist Medizin
Seit 2018 betreuen Medbase-Gesundheitszentren Menschen mit Diabetes Mellitus Typ 2 in einem strukturierten Versorgungsprogramm. Die Physiotherapie ist dabei ein zentraler Teil eines Versorgungskonzepts, das nachweislich Qualität verbessert und den Kostenanstieg dämpft.
Text: Fabienne Reinhard
Menschen mit Diabetes Mellitus Typ 2 profitieren von Bewegung – das ist unbestritten. Trotzdem werden Bewegungsempfehlungen oft nicht konsequent umgesetzt. Hier setzt das Disease-Management-Programm für Diabetes Mellitus von Medbase an. Seit 2018 verfolgt das strukturierte Behandlungskonzept das Ziel, Menschen mit Diabetes langfristig, koordiniert und leitlinienkonform zu begleiten.
Cornelia Caviglia, Co-Leiterin Bildung und Qualität bei Medbase, betont, dass es dabei von Beginn an um mehr ging als um einzelne Interventionen: Die Versorgung sollte strukturiert und patientenzentriert erfolgen, mit klar definierten Prozessen – und Bewegung als festem Bestandteil. In der hausärztlichen Praxis oder im Gesundheitszentrum werden die Leistungen koordiniert und bedarfsgerecht auf verschiedene Berufsgruppen verteilt, darunter auch die Physiotherapie. Eine jährlich stattfindende Bewegungsberatung in der Physiotherapie soll Betroffene dabei unterstützen, Bewegung realistisch und nachhaltig in ihren Alltag zu integrieren.
Im Zentrum der physiotherapeutischen Bewegungsberatung steht nicht das Training, sondern eine realistische Standortbestimmung. Die Physiotherapie setzt dort an, wo medizinische Empfehlungen oft abstrakt bleiben: bei der konkreten Frage, was Betroffene im Alltag tatsächlich leisten können. Mithilfe niederschwelliger Tests wie dem One-Minute-Sit-to-Stand-Test erfassen Physiotherapeut:innen die körperliche Ausgangslage. Ergänzt wird dies durch Gespräche zum Bewegungsverhalten, zur Motivation und zu möglichen Alltagsstrategien – also zur Frage, wo Bewegung im realen Leben überhaupt Platz hat. «Den Schritt zu einem regelmässigen Training schaffen bislang nur wenige unserer Patient:innen», meint Caviglia und fährt fort: «Das soll aber niemanden entmutigen, denn auch ein Rauchstopp erfolgt in der Regel nicht nach der ersten Beratung.» Darum sei es wichtig, die Lebensführung regelmässig zu thematisieren.

Ziel des Programms ist, dass jede Person mit Diabetes Mellitus Typ 2 mindestens einmal pro Jahr eine solche Bewegungsberatung erhält. «Diese jährliche Standortbestimmung wäre aus unserer Sicht enorm wichtig», sagt Caviglia. In der Praxis wird dieses Ziel jedoch noch nicht überall erreicht. Das liege weniger an fehlender fachlicher Kompetenz, sondern vielmehr an strukturellen und motivationalen Hürden – sowohl auf Seiten der Patient:innen als auch bei den Zuweisenden. «Wenn jemand nicht motiviert ist oder gar nicht erst überwiesen wird, kommt er auch nicht in der Physiotherapie an», fasst die Medbase-Co-Leiterin zusammen.
Viele Diabetes-Betroffene empfinden zunächst keinen Leidensdruck, denn die Krankheit bleibt oft lange symptomlos. Das erschwert Verhaltensänderungen erheblich. Für Ärzt:innen und Physiotherapeut:innen bedeutet das, Überzeugungsarbeit zu leisten, ohne belehrend zu wirken. Hinzu kommt, dass die Überweisung zur Bewegungsberatung stark von der Haltung der jeweiligen Ärzt:innen abhängt. «Manche Standorte erreichen viele Patient:innen, andere deutlich weniger», weiss die Kaderfrau.
Für die Physiotherapie ist das eine ambivalente Situation: Einerseits gilt Bewegung als zentraler Bestandteil der Behandlung, andererseits landen viele Betroffene gar nicht erst in der Beratung. Einige Medbase-Gesundheitszentren haben deshalb begonnen, Patient:innen aktiv zur Bewegungsberatung aufzubieten – mit Erfolg, wie Caviglia berichtet. Diese Massnahme scheint hilfreich, um Bewegung nicht dem Zufall oder der individuellen Motivation zu überlassen.
Die Bewegungsberatung in der Physiotherapie ist im Disease-Management-Programm kein isoliertes Angebot, sondern Teil eines übergeordneten Ziels: zu verstehen, wie sich strukturierte Versorgung auf Behandlungsqualität und Gesundheitskosten auswirkt. Dafür braucht es belastbare Daten. Elektronische Dokumentation allein reicht dafür nicht aus. Relevante Informationen müssen standardisiert und vergleichbar erfasst werden. Zu diesem Zweck hat Medbase auch für die Physiotherapeut:innen numerische Felder und einfache Funktionstests hinterlegt – ein im ambulanten Bereich noch wenig verbreiteter Ansatz. Diese strukturierte Datenerfassung macht die physiotherapeutische Arbeit systematisch sichtbar und erlaubt es, Veränderungen über die Zeit hinweg nachzuvollziehen.
Auf dieser Basis lassen sich nicht nur therapeutische Prozesse beschreiben, sondern auch Versorgungsqualität messbar machen. Die Auswertung des Winterthurer Instituts für Gesundheitsökonomie (WIG) der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) zeigt, dass sich die Adhärenz zu medizinischen Leitlinien verbessert. Gleichzeitig werden Patient:innen im Programm langfristig seltener hospitalisiert, und die Gesundheitskosten steigen weniger stark als bei vergleichbaren Versicherten ausserhalb des Programms. Für Caviglia ist genau das der entscheidende Punkt: Ohne strukturierte Daten bliebe unklar, ob sich der hohe Aufwand interprofessioneller Betreuung tatsächlich lohnt. Mit Daten lässt sich erstmals belegen, dass strukturierte Versorgung nicht nur medizinisch sinnvoll, sondern auch gesundheitsökonomisch wirksam ist.
Trotz der positiven Resultate bleibt die Umsetzung anspruchsvoll. «Bewegungsberatung ist im ambulanten Setting zeitintensiv und im regulären Tarifsystem schlecht abgebildet», erklärt die Medbase-Co-Leiterin. Die zusätzliche finanzielle Unterstützung durch SWICA für physiotherapeutische Bewegungsberatung ist daher sehr willkommen. Gleichzeitig zeigt die Evaluation, dass sich diese Investition langfristig auszahlt. Eine bessere Versorgungsqualität geht mit tieferen Kosten einher – ein Argument, das der Physiotherapie zusätzliche Legitimation verschafft.
Für den Berufsstand bedeutet das Programm auch eine Aufwertung der eigenen Rolle. Physiotherapeut:innen werden nicht nur als Behandelnde wahrgenommen, sondern als zentrale Akteur:innen in der Versorgung chronisch kranker Menschen – mit messbarem Einfluss auf Qualität und Kostenentwicklung.
Das Disease-Management-Programm zeigt, welches Potenzial in der Physiotherapie liegt, wenn Bewegung strukturiert und datenbasiert gedacht, systematisch erfasst und interdisziplinär verankert wird. Strukturierte Daten sind ein geeignetes Werkzeug, um Wirkung sichtbar zu machen und Versorgung gezielt weiterzuentwickeln. Gerade für die Physiotherapie eröffnet dieser Ansatz die Chance, ihren Beitrag zur Versorgung chronisch kranker Menschen nicht nur fachlich, sondern auch evidenzbasiert zu positionieren.
Hier erfahren Sie, wie Bewegungsberatung konkret aussieht: