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Mensch statt Diagnose im Fokus

Schmerzen lindern, Mobilität fördern, Lebensqualität schaffen: Bei Diaconis Palliative Carevon Diaconis geht es nicht ums Heilen, sondern ums Dasein. Der Physiotherapeut David Räss hilft Patient:innen und ihren Angehörigen mit Empathie, Geduld und Fachwissen durch die schwierige, oft letzte Lebensphase.

Die Patient:innen von Diaconis Palliative Care bekommen nebst Physiotherapie und Arztvisiten nach Bedarf auch Musiktherapie, Lymphdrainage, Seelsorge und psychologische Beratung. © Diaconis

Text: Fabienne Reinhard

Stille. Im Gegensatz zum hektischen und lauten Spitalalltag ist es bei Diaconis Palliative Care in Bern sehr leise. Diese Ruhe spiegelt sich auch in der Arbeitsweise von David Räss wider. Seit 2020 ist er als Physiotherapeut in Teilzeit zum bestehenden Therapieteam auf der Station dazugestossen. Er deckt die Therapietage zusammen mit seiner Arbeitskollegin ab. Sein Weg in die Palliative Care begann während eines Praktikums am Inselspital. Dort hatte er erste Einblicke in die Behandlung von schwerkranken Patient:innen. Später vertiefte er diese Erfahrung durch mehrere Zivildiensteinsätze bei Diaconis. Als seine heutige Chefin ihn anfragte, ob er nicht in Zukunft als Physiotherapeut auf der Palliativstation arbeiten möchte, brauchte er nicht lange zu überlegen und sagte zu. «Mich fasziniert, dass wir hier auf die Bedürfnisse der Patient:innen eingehen können», erklärt der Physiotherapeut. «Ich muss mich nicht nur um eine Diagnose kümmern, sondern darf den Menschen als Ganzes sehen.» Für die Patient:innen kann er die Zeitdauer flexibel und an die jeweiligen Bedürfnisse anpassen. In der Physiotherapie gibt es selten fix eingeplante Behandlungstermine. Er geht von Zimmer zu Zimmer und fragt, ob die Patient:innen eine Behandlung wünschen. Wenn es gerade nicht passt, kommt er später wieder oder die Arbeitskollegin schaut am nächsten Tag vorbei. «Es ist möglich, dass die Physiotherapie an einem Tag nicht im Vordergrund steht und dann kein Angebot wahrgenommen wird. Die Patient:innen dürfen mitentscheiden», so Räss.

Diaconis Palliative Care bietet bis zu 15 Betten. © Fabienne Reinhard

Palliativstation bedeutet nicht zwingend «Endstation»

Seine Arbeit bezeichnet er als «bedürfnisorientierte Therapie», also dass die Patient:innen möglichst mit ihren Wünschen und Bedürfnissen wahrgenommen werden. Viele von ihnen liegen über Wochen im Bett. Unter anderem mithilfe von Massagen und basaler Stimulation hilft der Physiotherapeut ihnen, ihr verlorenes Körpergefühl wiederzufinden und zu verbessern. Bei Atemnot oder anderen respiratorischen Beschwerden unterstützt er sie mittels Atemtherapie. Mobilitätstraining und Kraftaufbau gehören ebenfalls zu seinen Aufgaben, gerade wenn ein Austritt in eine Folgeinstitution geplant ist oder die Patient:innen nach Hause gehen dürfen. Denn auf der Palliativstation zu sein bedeutet nicht zwangsläufig, hier zu sterben. Herausfordernd wird es, wenn Patient:innen nicht mehr ansprechbar sind. Dann muss er sich auf die Körpersprache wie Gesichtsausdrücke, Atemmuster und körperliche Anspannung konzentrieren und sehr wachsam sein. «Haben die Patient:innen ein Ruhebedürfnis, ist auch nichts tun manchmal das Richtige», weiss der Experte. Teilweise bringt die Physiotherapie zusammen mit dem interprofessionellen Team die Patient:innen in ihrem Bett auf die Dachterrasse und lässt diese die frische Luft sowie den Ausblick auf die Berge und die Berner Altstadt geniessen. «Manche können dann richtig gut entspannen. Es durften auch schon Patient:innen hier oben von uns gehen», erzählt der Physiotherapeut.

Spitalkater Kasimir begleitet die palliativen Patient:innen. «Manchmal leistet er Patient:innen, die im Sterben liegen, stundenlang Gesellschaft», erzählt David Räss. © Fabienne Reinhard

Interprofessionalität wird grossgeschrieben

Ein zentraler Bestandteil der Arbeit bei Diaconis Palliative Care ist der enge Austausch der Fachdisziplinen. Einmal wöchentlich besprechen Ärzt:innen, Pflege, Sozialarbeit und Therapeut:innen (Seelsorge, Lymphdrainage, Musiktherapie, Psychologie) jeden einzelnen Fall, um die bestmögliche Betreuung zu gewährleisten. So kommen auch Kombinationen unterschiedlicher Disziplinen zustande. Einmal konnte Räss einer Patientin mit starkem Tinnitus weiterhelfen, indem er eine Gesichtsmassage gleichzeitig zur Klangschalentherapie seiner Kollegin durchführte. «Die Patientin fühlte sich und ihre Beschwerden ernstgenommen. Die Therapie half ihr, den Tinnitus weniger stark wahrzunehmen. Das war ein entscheidender Schritt, um ihr Leiden zu lindern», so der Physiotherapeut.

Dicke Haut und viel Empathie

In seinem Alltag ist er mit viel Leid, Schmerzen und dem Tod konfrontiert. Viele in seinem Kollegenkreis fragen sich, wie er es schafft, diesen Beruf auszuüben. «Ich habe eine dicke Haut bekommen oder hatte sie vielleicht von Anfang an. Aber meine Empathie gegenüber den Patient:innen und deren Angehörigen ist dadurch nicht geschmälert.» Doch gerade wenn jüngere Patient:innen mit kleinen Kindern versterben, geht ihm das nahe. Ihm hilft es, sich im interprofessionellen Team auszutauschen. Zusätzlich werden bei Diaconis wöchentlich Fallbesprechungen angeboten, um gemeinsam Lösungen für schwierige Situationen zu finden. Und trägt er doch mal eine Geschichte nach Hause, so hört ihm seine Partnerin, die auch Physiotherapeutin ist, gerne zu. «Durch die Gespräche kann ich sehr viel verarbeiten», sagt Räss.

Auch eine Aufgabe der Physiotherapie: Flaschenblasen. Damit kann festsitzendes Sekret mobilisiert und das Abhusten erleichtert werden. © Fabienne Reinhard

Angehörige einbeziehen und entlasten

Auch die Angehörigen spielen eine wichtige Rolle in der Betreuung. «Mit der Zeit habe ich ein Gespür für ihre Bedürfnisse entwickelt», sagt der Physiotherapeut. Wenn Angehörige anwesend sind, bezieht Räss sie aktiv in Gespräche ein und fragt nach, wie sie die betroffene Person erleben. Besonders bei nicht mehr ansprechbaren Patient:innen ist es oft nötig, Missverständnisse zu klären: «Nicht jede Regung oder Unruhe bedeutet automatisch, dass jemand leidet», so Räss.

Bei manchen Angehörigen zeigt sich eine gewisse Hilflosigkeit, so dass sie aktiv in die Therapie eingebunden werden möchten, um die betroffene Person zu unterstützen oder sich selbst nützlich zu fühlen. In solchen Fällen zeigt Räss einfache Übungen, zum Beispiel eine sanfte Nackenmassage gegen Kopfschmerzen. «Ich mache das nur, wenn es ausdrücklich gewünscht wird. Der Aufenthalt bei uns soll schliesslich auch für die Angehörigen eine Entlastung sein», betont er.

Ein Beruf, der fordert und erfüllt

Die Dankbarkeit der Patient:innen und deren Angehörigen ist für Räss eine schöne Bestätigung seiner Arbeit. Ein Lächeln nach einer erfolgreichen Behandlung oder eine Karte von Angehörigen, die den wertvollen Einsatz des Teams würdigt – solche Momente machen für ihn den Unterschied. «Manchmal begleite ich Patient:innen nur wenige Tage, manchmal über mehrere Wochen. Zu wissen, dass ich ihnen in dieser Zeit helfen konnte, ist für mich eine grosse Erfüllung», so der Physiotherapeut.

Die enge Zusammenarbeit und die kurzen Wege im interdisziplinären Team sowie die Möglichkeit, individuell auf die Bedürfnisse der Patient:innen einzugehen, machen Diaconis Palliative Care für ihn zu einem besonderen Arbeitsort. «Hier spürt man, dass alle gemeinsam daran arbeiten, den Patient:innen und ihren Familien diese schwierige Zeit so angenehm wie möglich zu gestalten.» Für Räss ist klar: Die Physiotherapie in der Palliative Care leistet einen wichtigen Beitrag. Sie ermöglicht es Patient:innen, nicht nur ihre Beschwerden zu lindern, sondern auch ein Stück Lebensqualität zurückzugewinnen – selbst, wenn es nur für den Moment ist.

Im Durchschnitt behandeln David Räss und seine Arbeitskollegin die Patient:innen während drei bis vier Wochen. © Diaconis

Diaconis Palliative Care

Diaconis Palliative Care betreut und behandelt als spezialisierte Palliative Care Menschen, die an einer unheilbaren, fortschreitenden Krankheit leiden und sich in instabilen und komplexen Situationen befinden. Ein interprofessionelles Team, bestehend aus Ärzt:innen, Pflegefachpersonen, Therapeut:innen und Berater:innen, sorgt für eine individuelle, umfassende Begleitung und Behandlung mit dem Ziel der bestmöglichen Lebensqualität für Patient:innen und Angehörige.

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