Weil Bewegung wirkt
Medizinische Trainingstherapie (MTT) ist gleich MTT? Falsch gedacht. Wie vielseitig sie sein kann und wie und wo sie wirkt, zeigen die Besuche im Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ), der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK) und der Gemeinschaftspraxis des ARDISLA Fitness & Physio.
Text: Fabienne Reinhard
Das SPZ in Nottwil, die PUK in Zürich und das ARDISLA könnten in ihrem Patientenklientel kaum unterschiedlicher sein – und doch haben sie eines gemeinsam: Sie alle bieten MTT an. Während im SPZ vorwiegend Querschnittbetroffene trainieren, sind es in der PUK Patient:innen mit psychischen Erkrankungen. Und in Domat/Ems bei ARDISLA gibt es nebst dem herkömmlichen Erwachsenen-MTT ein sogenanntes «Teenie-Training», wo Kinder und Jugendliche mit MTT-Verordnung trainieren können.
MTT für Kinder – das überrascht. «Tatsächlich verordnen Ärzt:innen auch sehr jungen Patient:innen MTT, aber sehr selten», erklärt Teenie-Training-Leiterin und Kinderphysiotherapeutin Johannah Carigiet. Dass Ärzt:innen MTT verordnen, ist auch in der PUK nicht immer selbstverständlich: «Gerade die neuen Psychiater:innen denken am Anfang nicht an die MTT», sagt Felix Keller, Physiotherapeut und MTT-Betreuer in der PUK. «Trotzdem stellen wir fest, dass das Bewusstsein, dass körperliche Aktivität beziehungsweise Bewegung für psychisch erkrankte Menschen wichtig ist, in den letzten Jahren zugenommen hat», ergänzt Bernhard Frey, Leiter Physio-, Tanz-, Bewegungs- und Musiktherapie in der PUK. Inzwischen gibt es viele Anmeldungen – sogar Wartelisten.
Eine Warteliste für Kinder-MTT gibt es im ARDISLA nicht. Damit sich der Aufwand des wöchentlichen Teenie-Trainings für die Gemeinschaftspraxis lohnt, dürfen auch Kinder und Jugendliche ohne Verordnung auf Selbstzahlerbasis teilnehmen. So bleibt das Angebot kostendeckend. Eine Herausforderung war auch die Terminfindung: «Die Teilnehmenden sind in der Schule oder Berufslehre und haben unterschiedliche Stundenpläne. Am Abend hätten sie zwar Zeit, wollen aber ihren Hobbies nachgehen oder etwas im Freundeskreis unternehmen», sagt Carigiet. Es bestehe zwar Interesse an einem Wochenendtraining, doch dann seien keine Physiotherapeut:innen anwesend – eine Voraussetzung für MTT. Mit dem späteren Mittwochnachmittag hat die Praxis aber eine gute Lösung gefunden.
Im Vergleich zur Physiotherapiepraxis finden im SPZ und der PUK deutlich mehr MTT-Einheiten statt. In der PUK werden die Patient:innen in sechs Gruppen eingeteilt, die zweimal wöchentlich trainieren können – sofern ihr körperlicher und mentaler Zustand es zulässt. «Im Durchschnitt sagen 30 Prozent der Patient:innen ab oder erscheinen nicht», sagt Frey. Gründe sind die schlechte, sehr schwankende, tägliche psychische Verfassung, Antriebslosigkeit, Nebenwirkungen von Medikamenten oder Terminüberschneidungen. Manchmal finden die Patient:innen auch den Trainingsraum nicht – viele benötigen Begleitung. Deshalb ist die Zusammenarbeit mit der Pflege zentral.

Im SPZ trainieren sowohl stationäre als auch ambulante Patient:innen. Die stationären werden entsprechend ihrem Tagesablauf eingeplant, während die ambulanten Patient:innen mit einer MTT-Verordnung zu fixen Trainingszeiten ins SPZ kommen. Bei einer ambulanten Physiotherapie haben die Patient:innen die Möglichkeit, sich vor der Therapie im MTT-Raum aufzuwärmen und nach der Therapie die Übungen im Kraftraum noch abzuschliessen. «Das gehört zur Qualität unserer Behandlung», sagt Nina Michel, Co-Leiterin MTT im SPZ. Zu den Haupttrainingszeiten sind immer zwei bis drei Fachpersonen vor Ort – neben Physiotherapeut:innen auch Sportwissenschaftler:innen. Eine hohe Dichte für maximal zehn Patient:innen pro Gruppe. «Viele Patient:innen – insbesondere solche mit Tetraplegie – benötigen Hilfe beim Einstellen der Geräte oder beim Transfer, weil sie es selbst nicht können», erklärt Michel.
Das ist eine der grössten Herausforderungen der MTT im SPZ: Es gibt verschiedene spezifische Geräte für Rollstuhlfahrer:innen sowie Spezialmaterial wie Handgelenksmanschetten, um das Training für die Patient:innen zu vereinfachen und mehr Selbständigkeit zu ermöglichen. Neurologische Patient:innen bringen eine grosse Bandbreite an Begleitdiagnosen mit – von Schädelhirntrauma über Multiple Sklerose bis Parkinson. «Das macht das Handling anspruchsvoller und verlangt mehr Verständnis», erläutert Carina Lang, Co-Leiterin MTT im SPZ.

Das Ziel der MTT liegt im SPZ klar auf der Hand: Selbstständigkeit fördern. Am Anfang stehen häufig Stützaktivitäten im Fokus, damit die Patient:innen Transfers möglichst bald allein schaffen. «Mit der MTT können wir eine solide muskuläre Basis aufbauen, damit die Betroffenen im Alltag gut zurechtkommen», sagt Michel. Klassisch querschnittgelähmte Patient:innen haben einen tieferen Grundumsatz, da sie aufgrund der fehlenden Muskulatur und dem Sitzen weniger Energie verbrennen. Deshalb ist die Bewegung umso wichtiger. Das Training in der Gruppe sorgt zudem für Austausch unter den Patient:innen und motiviert: «Die stationären Patient:innen kennen und pushen sich gegenseitig, dranzubleiben», freut sich Lang.
Die PUK verfolgt mit der MTT verschiedene Ziele: Förderung von Kraft, Ausdauer, Koordination, Körperwahrnehmung, Stressregulation und Sozialverhalten im Gruppensetting. Doch nicht immer läuft alles rund. Manche Patient:innen bringen die ganze Gruppe durcheinander, andere überschätzen sich – etwa, wenn sie Maximalkraft wie im Fitnesscenter trainieren wollen. «Wir sind da, um sie zu schützen», betont Keller. Die Selbstüberschätzung sei jedoch nicht diagnoseabhängig – und die Diagnose kennen die Betreuenden in der MTT ohnehin nicht. Bei Auffälligkeiten nehmen sie Kontakt mit der Station auf. Ebenfalls können gewisse Regeln wie ein Kopfhörerverbot zu Diskussionen führen.
Regeln einzuhalten fällt auch den Kindern und Jugendlichen im Teenie-Training nicht leicht: «Manchmal fangen sie an, herumzualbern. Dann ist es meine Aufgabe, ihren Fokus zurück auf den Sport zu lenken», betont Carigiet. «Das Training muss spielerisch sein – nur stur an Geräten Übungen machen geht selten. Sie brauchen mehr Führung als Erwachsene», weiss die Physiotherapeutin. Dabei kann sie bei ihren Schützlingen nicht nur körperliche und koordinative Fortschritte beobachten: Wer schon länger dabei ist, gewinnt an Selbstbewusstsein und Mut, Neues auszuprobieren. «Die MTT ist meines Erachtens für den gesamten Therapieverlauf sehr entscheidend», findet die Teenie-Training-Leiterin. «Die Kinder sitzen zu viel und haben zu wenig Bewegung. Wenn sie dann eine Diagnose wie Wachstumsprobleme oder Haltungsschwäche bekommen, wissen sie nicht, wo beginnen. Die MTT gibt ihnen eine positive Bewegungserfahrung – oft mit dem Effekt, dass sie später einem Verein beitreten oder tanzen gehen.»

Dass die MTT den gesamten Therapieplan bereichert, darin sind sich ARDISLA, PUK und SPZ einig. «Die Patient:innen sagen selbst, dass ihnen die Bewegung guttut. Das widerspiegelt sich in ihren Vitalwerten. Sie achten auch besser auf ihre Körperpflege und -hygiene», sagt Keller. Was nun noch im psychischen Bereich fehle, seien ambulante Angebote. Anja Kucera, Physiotherapeutin und MTT-Betreuerin in der PUK, hat eine Arbeit dazu verfasst: «Es gibt keine weiterführenden Angebote für Betroffene, die den Weg in ein Fitnesscenter nicht schaffen, weil sie mehr Betreuung benötigen», so Kucera. «Für eine poststationäre MTT-Verordnung müsste eine somatische Erkrankung vorliegen. Dabei ist bekannt, dass sich die Psyche auf die Somatik auswirkt», ergänzt Frey. Er hofft, dass durch den Grundsatz «ambulant vor stationär» und den Ausbau der PUK-Tagesklinik künftig auch ambulante MTT-Angebote entstehen.
An ambulanten Angeboten fehlt es im SPZ selbst nicht. In regionalen Praxen mangelt es jedoch teilweise an der Rollstuhlgängigkeit und an spezifischem neurologischen Fachwissen. Deshalb gibt es Patient:innen, die von weit her in die ambulante Physiotherapie ins SPZ kommen. Trotz der hohen Qualitätsstandards sehen die beiden Co-Leiterinnen weiterhin Raum für Verbesserungen. «Wir haben den Luxus, eine eigene Forschungsabteilung im Haus zu haben. So bekommen wir neue Erkenntnisse rasch mit», sagt Michel. Der Stellenwert der MTT im SPZ ist hoch: Im Rahmen des Umbaus im Jahr 2020 wurde die Trainingsfläche vergrössert und ins Zentrum des Gebäudes verlegt – sichtbar und symbolisch für ihre Bedeutung.

Die Besuche im ARDISLA, der PUK und im SPZ machen deutlich: MTT ist weit mehr als Krafttraining. Sie stärkt Körper und Geist, fördert Selbstvertrauen und Selbstständigkeit – und schafft durch professionelle Begleitung eine positive Bewegungserfahrung, die bleibt.