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Unus ex pluribus – Einheit durch Vielfalt, überarbeitet

Magerwiese

Manchmal bedarf es des Abstands, um das Naheliegende zu erkennen. Vor drei Jahren haben wir an dieser Stelle über Vielfalt in der Physiotherapie geschrieben. Über die Theoretiker:in und die Praktiker:in. Die Grosspraxis und die Einzelpraxis. Die Romands, den Deutschschweizer und die Ticinese. Die frisch Diplomierten und die langjährig Erfahrenen. Der Bachelorabsolvent und die Masterabsolventin. Die evidenzbasiert Arbeitenden und die erfahrungsgeleiteten «Handwerker:innen». Die städtische Gruppenpraxis und die Einzelkämpferin im Bergtal. Diese Vielfalt ist kein Makel. Sie ist das Fundament unserer Profession. Sie spiegelt die Schweiz: föderalistisch, mehrsprachig, divers – und genau deshalb robust. Was uns unterscheidet, macht uns vielfältig. Was uns verbindet, macht uns stark. Und was uns verbindet, ist tiefer als jede Kategorie: humanitäre Werte, Haltungen, eine geteilte Überzeugung, dass die Physiotherapie dem Menschen dient. In Bern. In Genf. In Bellinzona. In Chur. «Unus ex pluribus – Einheit durch Vielfalt.»


Dieser Satz hat sich seither bewährt. Nicht als Wunsch. Als Tatsache. Es war der 17. November 2023. 10’000 Menschen auf dem Bundesplatz in Bern. Violett-gelbe Schals. Eine Bühne, von der aus Physiotherapeut:innen, Patient:innen und Parlamentarier:innen sprachen. 283’000 Petitionsunterschriften, noch am selben Nachmittag der Bundeskanzlei übergeben. Über 100 Medienbeiträge in regionalen und nationalen Medien. Unter den 10’000 an jenem Novembertag waren Physiotherapeut:innen aus dem Tessin, aus der Romandie, aus der Deutschschweiz. Menschen, die nicht dieselbe Sprache sprechen, aber dieselbe Sache vertreten. Die violett-gelben Schals trugen keine Kantonsbezeichnung. Sie trugen eine Haltung. Niemand fragte, ob jemand selbständig oder angestellt sei. Ob die Praxis zwei Behandlungsräume habe oder zwanzig. Ob jemand in der Klinik arbeite oder in der Einzelpraxis. Ob der Bachelor getragen werde oder der Master. Ob die Muttersprache Deutsch sei, Französisch, Rätoromanisch oder Italienisch. Was zählte: eine Stimme. Laut. Geeint. Unüberhörbar. Und der Bundesrat sistierte den Tarifeingriff. Das passiert selten. Bundesrätliche Verordnungen werden nicht häufig sistiert. Es ist historisch. Es ist Beweis. Es ist die wirkungsmächtigste Antwort auf die Frage, was Einheit vermag — gerade dann, wenn sie aus Vielfalt erwächst.


Warum schreiben wir das heute? Weil der Taxpunktwert im KVG weiterhin auf einem Kostenniveau der späten 1990er-Jahre verharrt. Weil die Festsetzungsverfahren in allen 26 Kantonen laufen. Weil die neue KVG-Tarifstruktur beim Bundesrat eingereicht ist und auf Genehmigung wartet. Weil die entscheidendste berufspolitische Auseinandersetzung der nächsten Jahre – die Taxpunktwert-Festsetzung – noch vor uns liegt. Und weil genau in
solchen Momenten die Versuchung wächst, sich in Unterschieden zu verlieren, anstatt sich in Gemeinsamkeiten zu verankern. Die Schweiz ist föderalistisch. Die Physiotherapie auch. Vier Sprachregionen, sechzehn Kantonal- und Regionalverbände, unterschiedliche Versorgungsrealitäten von Genf bis Bellinzona, von Basel bis Chur. Das ist keine Schwäche. Das ist Tiefe. Und am 17. November 2023 war diese Tiefe auf dem Bundesplatz sichtbar, unüberhörbar und erfolgreich — in vier Sprachen, mit einer Stimme.


Die Ärzteschaft macht uns das Gegenteil von Fragmentierung vor. Unter dem Dach der FMH beherbergt sie einen äusserst heterogenen Strauss an Spezialisierungen, an zum Teil konkurrierenden Fachrichtungen, an divergierenden wirtschaftlichen Interessen — und dennoch: wenn es um berufspolitische Forderungen geht, treten sie vereint auf. Schulter an Schulter. In Zürich wie in Lausanne wie in Lugano. Es ist kein Zufall, dass sie gehört werden. Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk postuliert keine Harmonie um jeden Preis. Er postuliert Ko-Immunismus: das kollektive Immunsystem gegen jenes geistige Gift, das uns in Gruppen einteilt, die gegeneinander in Konkurrenz treten, statt gemeinsam nach aussen zu stehen. Auf die Physiotherapie übertragen: Wir müssen uns nicht angleichen. Wir müssen uns nicht aufgeben. Wir müssen nur begreifen, wann das Gemeinsame grösser ist als das Trennende. Wer sich teilen lässt, kann nicht schützen. Wer sich schützen will, muss zunächst unmissverständlich zusammenstehen. Wir schreiben diesen Text nicht als Mahnung. Wir schreiben ihn als Erinnerung. Und als Einladung. Die Einladung, sich zu erinnern: an den Bundesplatz, an die Schals, an den historischen 15. März 2024, als der Bundesrat ihr geplanten Tarifeingriff sistierte. An das Gefühl, dass unsere Profession eine Stimme hat — wenn wir sie gemeinsam erheben. In allen vier Landessprachen. Aus allen sechzehn Kantonal- und Regionalverbänden. Aus Praxen und Kliniken, aus der Stadt und dem Bergtal, von der Berufseinsteigerin bis zur erfahrenen Praxisinhaberin.


Alan Lee formulierte es treffend: «The time is now for the physical therapy profession to learn from the past and define its societal identity at large. Because those who cannot remember the past are condemned to repeat it.»
Wir erinnern uns. Wir sind eine Profession. Die nächste Runde steht bevor.
Unus ex pluribus — Einheit durch Vielfalt.
Nicht trotz unserer Unterschiede. Durch sie.


Michaela Hähni, Fabrizio Mognetti & Martin Verra, Vorstand Physioswiss Kantonalverband Bern

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